7 Jahre
Schmerzpatient
Nach einem festgestellten Bandscheibenvorfall im
Jahre 1994 am 5/6 Halswirbel und degenerativen Veränderungen erfolgten
langwierige Behandlungen durch meinen damaligen Hausarzt und dem
Orthopäden. (Seit dem 18 Lebensjahr hatte ich bereits Probleme mit der HWS
und den Bandscheiben )
Sämtliche Behandlungen waren trotz intensiver Bemühungen beider Ärzte ohne
Erfolg, so dass ich 1995 zum ersten Mal an dem o.a. Bandscheibenvorfall
im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke/Ruhr operiert werden musste, da schon
Ausfallerscheinungen im Arm und in der Hand vorhanden waren. Die Bandscheiben wurde
entfernt und die Wirbel mittels einer Klebemasse (Pallacos) miteinander
verbunden. Nach der OP waren die starken Schmerzen erst verschwunden,
traten aber nach 3 Wochen wieder auf. Meinen Beruf als Küchenchef konnte
ich seit dem nicht mehr ausüben, da die starken Schmerzen ( ich hatte das
Gefühl, mir würden ständig 10 Messer gleichzeitig in den Nacken gestochen)
und Ausfallerscheinungen wieder auftraten, jedoch durch Untersuchungen
nicht lokalisiert wurden. Der einzige Ausweg waren Schmerzmittel – diese
belasteten wiederum den Magen – also mußte ich auch noch Magentabletten
nehmen. 4 Monate nach der OP erhielt ich eine 4 wöchige Rehamaßnahme in
Bad Rappenau, diese endete so wie ich sie angetreten hatte –
arbeitsunfähig. Der Kampf gegen die Schmerzen und die Schmerzmittel ging
weiter.
Auch dort konnte man mir nicht helfen – für die
Rente zu jung und für das Arbeitsamt zu alt war die Meinung des dortigen
Chefarztes. Eine Umschulungsmaßnahme von der LVA wurde abgelehnt mit der
Begründung, ich wäre Erwerbsunfähig.
Weitere Behandlungen durch meinen damaligen
Orthopäden und eine Ambulante Reha wurden durchgeführt, brachten aber
keine Besserung. Andere OPs die nicht die Wirbelsäule betrafen folgten.
Inzwischen wurde die Praxis des Orthopäden durch eine neue Fachärztin für
Orthopädie, Chirotherapie und Sportmedizin übernommen. Ein Antrag auf
Erwerbsunfähigkeitsrente war gestellt. Die LVA reagierte und gab mir für 1
Jahr eine Zeitrente, da nach Ansicht der Gutachter mein Gesundheitszustand
sich bald bessern würde. Jedoch ging der Schmerzkreislauf weiter –
Schmerzmittel – Übelkeit – Schlaflosigkeit. Ich zog mich langsam aus der
Öffentlichkeit zurück, da ich keine Menschen mehr um mich haben konnte.
Die neue Ärztin, Frau Dr. Vormann machte mit meinem
Einverständnis eine Röntgenaufnahme von der HWS und stellte fest, das
dieser Kleber schon Ermüdungserscheinungen zeigte.
Jedoch wurde dieses bei einer Untersuchung im MRT
nicht gesehen und von dem untersuchendem Arzt verneint, das sich der
Pallacos zersetzen würde. Als ich Ihn darauf ansprach was mir meine
Orthopädin gesagt hatte, meinte er nur, sie hätte keine Ahnung. Im April
1997 wurde ich dann auf 1 Jahr berentet. Damit wurden die Schmerzen nicht
weniger, im Gegenteil – der Schmerzmittelbedarf stieg weiter.
Es war schon ein Kampf gegen die Schmerzen und
Schmerzmittel (Valorontropfen) die immer nur kurzfristig halfen. Nachts
gab es seit der OP höchstens 2-3 Stunden Schlaf. Um die restliche Zeit zu
überbrücken begann ich mit meinem ersten Kochbuch. Durch das Schreiben zu
dem ich mich zwang wurde ich abgelenkt und konnte gleichzeitig gegen die
Ausfallerscheinungen in der rechten Hand vorgehen. Mühselig schrieb ich
von Hand Seite für Seite. Tagsüber war ich gerädert. Manchmal benötigte
ich 2-4 Stunden, um eine Seite mit einer breiten Füllfeder zu Schreiben.
Reflexzonenmassage und Akupressur die ich mir aus einem Buch angelesen
hatte, halfen auch nur teilweise. Damals wusste ich noch nicht, das es
noch einige Jahre dauern würde, bis ein glückliches Ende abzusehen war.
Natürlich war ich glücklich wenn ich mal für eine halbe Stunde weniger
Schmerzen hatte.
Ich trat gegenüber der Öffentlichkeit den totalen
Rückzug an, weil ich mich einfach in Gesellschaft nicht mehr wohlfühlte –
was natürlich kaum einer verstand. Ich war einem Nervenzusammenbruch oft
näher als entfernt und Tränen der Erleichterung kamen auch nicht mehr,
diese Quelle war mittlerweile versiegt.
Meine Orthopädin überwies mich zur neurologischen
Untersuchung. Während dieser erklärte mir der Arzt dann schon, dass es
nicht von der Arbeit käme. Er verdrehte mir nur mit Gewalt den Kopf nach
links und rechts um mir dann zu erklären, dass ich den Kopf doch bewegen
könnte und wohl nur Angst vor der Nachuntersuchung der LVA wegen meiner
Rente hätte. Nach dieser Untersuchung begab ich mich gleich zu meiner mich
behandelnde Orthopädin zur Schmerzbehandlung, Sie hat mich immer bestärkt,
den Schmerzen den Kampf anzusagen. Dem Neurologen habe ich dann einen
netten Brief geschrieben über seine Behandlungsart.
Wir Schmerzpatienten haben es nicht nötig, weil
vielleicht einige Ärzte die Ursache nicht erkennen – uns als Simulanten
hinstellen zu lassen - obwohl es viele Simulanten gibt, die den
Schmerzpatienten schädigen.
Zwischenzeitlich hatte ich andere Operationen. Im
Februar 1998 musste ich zur Nachuntersuchung wegen meiner Rente. Die
EU-Rente wurde weiter als unbefristete Rente genehmigt, von denselben
Gutachtern , die vorher anderer Meinung waren – bis zu Beginn der
Altersrente.
Es ging seinen Gang – Schmerzmittel – Massagen –
Akupunktur wobei es immer kurzfristige Linderung gab, solange diese
Anwendungen stattfanden. Regelmäßig wurden Blutuntersuchungen vorgenommen,
um zu sehen, ob es schon negative Auswirkungen auf andere Organe gab.Meine
Orthopädin überwies mich nun an die Schmerzambulanz des Allgemeinen
Krankenhaus der Stadt Hagen. Der ltd. Arzt Dr. A. Wanasuka hat wirklich
viel versucht um mir zu helfen.
Weitere Medikamente und Nervenblockaden folgten,
jedoch wieder nur kurzfristige Schmerzbefreiung. Vorstellung in einer
Schmerzkonferenz die jeden 1. Mittwoch im Monat im AKH stattfindet, an der
Ärzte aller Fachrichtungen teilnehmen und sich gemeinsam über den
jeweiligen Patienten beraten um eine entsprechende Behandlung
durchzuführen. Hier wurde zum ersten Mal die SCS Elektrode angeregt. Die
nächste neurologische Untersuchung folgte, wobei mir dieser Arzt erklärte,
dass ich aufgrund der Röntgenbefunde keine Kopfschmerzen haben könne,
außerdem sei ich doch schon Rentner. Nach weiteren erfolglosen
Behandlungen überwies mich Dr. A. Wanasuka an die dortige Orthopädische
Klinik.
Dort stellte man nach umfangreichen Untersuchungen
dann endlich fest, dass auf dem neuen Röntgenbild die besagte Pallacosplombe nicht festsaß. Nach Rücksprache mit dem Chefarzt der
Orthopädie Dr. Hermann wurde ein Operationstermin festgesetzt. Bei der OP
wurde die so angeblich feste Pallacosplombe krümelweise entfernt, sowie
Reste der bei 1. HWS OP entfernten Bandscheibe und einige Verwachsungen an
der HWS. Mir wurde aus dem Beckenkamm durch den Oberarzt Dr. Brenne ein
Knochenspan entfernt, dieser wurde bearbeitet um dann zwischen dem 5 und
6. Halswirbel eingesetzt. Unmittelbar nach der OP merkte ich im
Aufwachraum, das die Kopfschmerzen aufgehört hatten. Damit die Halswirbel
mit dem Knochenspan verwachsen konnten, trug ich eine steife
Halsmanschette 7 Wochen lang Tag und Nacht.
Acht Wochen nach der OP begannen diese
Kopfschmerzen wieder. Wieder Schmerzmitteleinnahme und Überweisung in die
Schmerzambulanz zur Behandlung bei Dr. Wanasuka. Dieses mal Valoron
Retardtabletten und andere, die jedoch auch nur einen minimalen Erfolg
brachten. Weiterhin nachts Schlaflosigkeit vor Schmerzen und ich schrieb
weiter an meinen Büchern.
Ich musste mich einfach beschäftigen um gegen diese
starken Schmerzen an zu kämpfen. Ein unverschuldeter Autounfall in einem
Linienbus verstärkte meine Kopfschmerzen wieder. 4 Wochen
Krankenhausaufenthalt folgten wieder bei den Orthopäden im AKH
Hagen. Narbengewebe wurde festgestellt, aber die Verblockung mittels
Knochenspan hatte gehalten. Nun gab es Morphiumpflaster gegen die starken
Schmerzen. Diese zeigten kaum Wirkung.
Nach meiner Entlassung erhielt ich andere
Medikamente von Dr. Wanasuka. Zum ersten Mal hatte ich richtige
Entzugserscheinungen. Eine Rheumatologin wurde hinzu gezogen, diese
stellte zwar andere Sachen fest, aber nichts was die Wirbelsäule betraf.
Sie überwies mich an einen weiteren Schmerzspezialisten in Wuppertal, aber
er konnte auch nichts anderes sagen als Dr. Wanasuka, nur die Medikation
sollte geändert werden. Mittlereiweile hatten wir Februar 2000 und Dr.
Wanasuka verschrieb mir Retardtabletten Morphium. (Oxygesic) Mit 10 mg
fing ich an und auch diese verloren bald ihre Wirkung. Die Anzahl stieg
und auch die stärke der Tabletten.(20mg) Die Nächte wurden immer
grauenvoller, kaum Schlaf und ich war froh wenn es wieder Tag wurde.
Mittlerweile hatte ich 18 Kg abgenommen und wog noch 68 Kg. Natürlich
hätte ich auch zunehmen können, das war ein Teil der Nebenwirkung vom
Morphium. Auch die höhere Dosierung nützte nichts. Irgendwann kurz vor
Weihnachten 2000 erhielt ich zum Test von Dr. Wanasuka ein weiteres
Medikamente und für den 2. Januar 2001 einen Termin in der ersten
Schmerzkonferenz des neuen Jahres. Eine Mitarbeiterin von Dr. Wanasuka
stellte meinen Fall den anwesenden Ärzten vor. Die Schmerzkonferenz im AKH
Hagen waren recht erfolgreich. Nach Beratungen mit den anwesenden Ärzten
wurde die Dosis wieder erhöht und nun nahm ich 40mg Oxygesic mehrmals
täglich. Mein Körper nahm diese Tabletten auf, zeigte aber kaum Wirkung,
außer den Nebenwirkungen. Nur mein Zustand wurde immer schlechter, kaum
Schlaf und total zerschlagen.
Mittlerweile wenn ich Termin in der Schmerzambulanz
hatte und es gab keinen Sitzplatz, schlief ich stehend an der Wand ein, es
war bezeichnend für meine Verfassung. Nach Rücksprache mit meiner
Orthopädin Frau Dr. Vormann fasste Dr. Wanasuka den Entschluss mir eine
Testelektrode zur Neurostimulation in die Wirbelsäule zu implantieren.
Am 29. März 2001 führte Dr. Wanasuka diese
Operation unter örtlicher Betäubung durch, damit während der OP durch
Stimulation mit Strom der Sitz der Elektrode überprüft werden konnte.
Zuvor hatte ich auf der visuellen Schmerzscala einen Stand zwischen 80 u.
90 %. Nachdem die Elektrode Implantiert und mittels Batterie mit Strom
versorgt wurde, war ich bei 0 % bzw. selten bei 10 % der Kopfschmerzen.
Jetzt fiel ich erst mal in ein großes Loch und konnte mich langsam
erholen, wiederum eine Entzugsfase, aber kein Morphium mehr. Nach 4 Wochen
Testzeit und positiver Ausfüllung von 4 Schmerztagebüchern wurde die
Testelektrode entfernt. Leider musste ich nun wieder Morphine nehmen um
die Schmerzen wenigsten etwas zu mindern.
Dr. Wanasuka beantragte inzwischen bei meiner
Krankenkasse (Barmer Ersatz Kasse Hagen) die Übernahmekosten für die
Elektrode. Nach ca. 6 Wochen kam die Kostenübernahme und das endgültige
Elektrodensystem wurde von Dr. Wanasuka bestellt. Nun setzte ich von mir
aus die Oxygesic Tabletten ab, da ich nicht mehr Essen und Trinken konnte.
Lieber jetzt für einen begrenzten Zeitraum die Schmerzen aushalten, als
sich ständig übergeben zu müssen.
Nachdem die Firma Medtronic GmbH alles geliefert
hatte, wurde von Dr. W. der OP-Termin beantragt. Leider musste dieser um
einige Tage auf Montag den 2. Juli 2001 verschoben werden. Jetzt nahm ich
noch einmal für das Wochenende Oxygesic, aber nur bis Sonntagabend.
Montagmorgen meldete ich mich um 7.00 Uhr auf der mir von Dr. Wanasuka
angegebenen Station im AKH, wo für mich für diesen Tag ein Bett reserviert
war. Es war meine 19. OP in den letzten 5 Jahren. Nun wurde ich für die
OP eingekleidet und zum OP-Bereich gefahren, bereits um 7.40 Uhr war ich
im Vorbereitungsraum des OP.
Die Implantation der Elektrode vom Typ ITREL 3 –
7425 der Fa. Medtronic wurde von Dr. Wanasuka und seiner Assistentin unter
örtlicher Betäubung durchgeführt, damit durch Stimulation mit Strom
während der OP der Sitz und die Wirksamkeit überprüft werden konnte. Es
verlief alles erfolgreich und war wieder sofort ohne Kopfschmerzen. Nach
Rückkehr auf mein Zimmer verließ ich das Bett und zog meine normalen
Sachen wieder an. Ein bisschen spazieren gehen, noch eine Infusion mit
Antibiotika und ein Abschlussgespräch mit Dr. Wanasuka. Danach konnte ich
konnte gegen 16.30 Uhr die Klinik verlassen.
Am 13. Juli wurden die Fäden gezogen und ich bin
noch immer ohne Kopfschmerzen und mir geht es gut, außer, dass der Körper
das Morphium vermisst und somit Entzugserscheinungen auftreten, die aber
bei Schmerzpatienten nicht so stark sind wie bei Menschen, die Drogen ohne
Grund nehmen. Der Körper muss sich einfach in Ruhe regenerieren.
Nun gehe ich langsam wieder in die Öffentlichkeit
und führe langsam wieder ein fast normales Leben.
Mein besonderer Dank gilt meiner Orthopädin Frau
Dr. Vormann, meiner Hausärztin Frau Dr. Witting, die mich sehr unterstützt haben.
Der Barmer Ersatz Kasse Hagen, die den Antrag von
Dr. Wanusuka genehmigt hat, obwohl es eine freiwillige Leistung der
Krankenkasse ist.
Vor allen Dingen möchte ich Dr. Wanasuka und seinem
Team der Schmerzambulanz des AKH Hagen danken, die mir durch die
Implantantion der Elektrode der Fa. Medtronic zu einem neuen Leben ohne
Kopfschmerzen verholfen haben.
Copyright 2001 by Klaus Mai Autor